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„Selbsthilfe als Entlastung und Bereicherung“

Was bedeutet Selbsthilfe?

Mag. Sandrieser: Selbsthilfe kann sowohl für Betroffene als auch für das professionelle Gesundheitswesen eine Entlastung und Bereicherung darstellen. Durch den Input von Fachexperten und die Erzählungen von Patienten sammelt sich im Laufe der Zeit ein großer Pool an Wissen und Erfahrungen in den Selbsthilfegruppen. Teilnehmer haben die Möglichkeit, den ein oder anderen guten Alltagtipp aus erster Hand - aus der anderer Patienten - zu bekommen, direkt und unkompliziert. Aus der Sicht des Krankenhauses kann ich in meiner Funktion als Selbsthilfebeauftragte Optimierungspotential in Bezug auf Alltagsgestaltung, auf die Patientenarbeit sowie auf Fort- und Weiterbildungen ableiten und dieses an das Krankenhaus herantragen.

Worin unterscheidet sich der Besuch einer Selbsthilfegruppe von beispielsweise einem Gespräch mit Freunden oder Bekannten?

Mag. Sandrieser: Im Gespräch mit Angehörigen und Freunden spielt immer eine über Jahre aufgebaute Beziehungskomponente mit. Jeder von uns hat gewisse „Alltagsrollen“, die unser Verhalten definieren – vielleicht bin ich die Mutter, die ihre Kinder beschützen will, der Ehemann, der als Familienoberhaupt immer der Starke ist, die Freundin, die immer für gute Laune sorgt und alle mit ihrer positiven Art ansteckt. Im Austausch mit Personen, zu denen man kein Naheverhältnis habe, können diese Alltagsrollen kurzzeitig abgelegt werden, man kann sich ganz auf sich selbst konzentrieren und auch Themen ansprechen, die man in der Familie vielleicht vermeidet.

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Mag. Esther Sandrieser ist Selbsthilfegruppen-Beauftragte im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz.
(c) Barmherzige Schwestern Linz

Welche Themen beschäftigen jene Patienten, die zu Ihnen die Gruppe kommen?

Mag. Sandrieser: Unsere Teilnehmer kommen aus unterschiedlicher Motivation zu den Gruppentreffen. Oftmals besteht der Wunsch mach fachlicher Information rund um therapeutische Möglichkeiten, Nebenwirkungsmanagement, sinnhafte Ergänzende zur primären Behandlung z.B. durch angepasste Ernährung, Bewegung, komplementäre Methoden. Ebenso ist der Besuch der Gruppen motiviert durch den Wunsch nach Austausch mit Gleichbetroffen, die ein anderes Verständnis für die emotionale, soziale und gesundheitliche Situation haben – durch die eigene Betroffenheit. Nicht zu vergessen die Möglichkeit, andere Sichtweisen und Umgangsmöglichkeiten kennen zu lernen. All diese Themen sammeln wir in unseren Gesprächen und versuchen sie nach und nach zu beantworten.

Es gibt nicht nur Gruppen für Betroffene, sondern auch Angehörige bekommen im so genannten „Angehörigencafé“ die Möglichkeit, sich auszutauschen. Worum geht es dabei genau?

Mag. Sandrieser: Angehörige sind eine große Gruppe, die wir gezielt ansprechen. Sie sind nicht „direkt“ betroffen, stellen jedoch eine wichtige Stütze für Erkrankte dar und erleben die Erkrankung des Partners, des Elternteils, des Kindes und alle damit in Zusammenhang stehenden Schwierigkeiten und Veränderungen hautnah mit. Hier geht es um Fragen wie: Wie soll ich damit umgehen, dass mein Angehörigen sich plötzlich so anders verhält? Wie kann ich bestmöglich unterstützen? Wo sind meine eigenen Grenzen? Durch die Schaffung dieser Plattform soll den Angehörigen einer an Krebs erkrankten Person ein Raum geboten werden, um sich selbst und eigene aufkommende Fragen und Anliegen in den Mittelpunkt zu stellen.

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Ein Angebot für Angehörige unterstützt dabei, mehr Verständnis für Patienten und deren Verhalten aufzubringen.
(c) Barmherzige Schwestern Linz

Das Krankenhaus hat das Zertifikat „Selbsthilfefreundliches Krankenhaus“ verliehen bekommen – was bedeutet das?

Mag. Sandrieser: Ein „selbsthilfefreundliches Krankenhaus“ zeichnet sich dadurch aus, dass es sein ärztliches und pflegerisches Handeln durch das Erfahrungswissen der Selbsthilfe bereichert, den Kontakt zwischen Patienten und Selbsthilfegruppen fördert und kooperationsbereite Selbsthilfegruppen aktiv unterstützt. Von einer systematischen und nachhaltigen Zusammenarbeit können beide Seiten profitieren – das Krankenhaus und die Selbsthilfe.

INFOBOX:

Folgende Gruppen treffen sich regelmäßig unter dem Dach der Barmherzigen Schwestern und werden teilweise direkt von uns Angebote oder nach Wunsch in der Organisation unterstützt:

  • 6 onkologische Gruppen treffen sich regelmäßig im Haus (Brustkrebs, Gynäkologische Krebserkrankungen, Darmkrebs, Prostatakrebs, Angehörigencafé, Onkotreff)
  • 3 nicht-onkologische Selbsthilfegruppen: Adipositas, Beckenboden, Kopfweh

Weiter besteht eine Zusammenarbeit mit den Gruppen bzw. Ansprechpartnern bei Schilddrüsenerkrankungen, Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen, Kehlkopflose- und Halsatmern, Gefäßfehlbildungen, Rheumathoide Arthritis, MMC sowie ein regelmäßiger Informationsaustausch mit dem Dachverband der Selbsthilfegruppen OÖ.

Termine Selbsthilfe 2016: http://www.bhslinz.at/medizinisches-angebot/krebsakademie/patienten-selbsthilfegruppen/termine-2016/

Jede Selbsthilfegruppe informiert über seine Aktivitäten in einem eigenen Newsletter. Bei Interesse bitte eine E-mail an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder telefonisch: 0732/7677-4339

In guten Händen. Im Ordensspital.